Tag der Sehbehinderung, 6. Juni 2021

Susanne Breitwieser Obmannstellvertretrein BSVOÖ

Kennen Sie das? Ein Mensch geht mit weißem Stock und gelber Armbinde durch die Stadt. Am Bahnhof steht die Person vor der Anzeige mit den Zügen, liest mit der Nase nahe am Glas den Fahrplan und geht zielstrebig, ohne den Stock einzusetzen die Treppe zum Bahnsteig. Jedoch zum Einsteigen in den Zug, zum Auffinden der Tür, für die Erkennung der Treppe in den Zug und im Zug selbst setzt er seinen Blindenstock ein wie ein Nichtsehender.

Wie geht das? Dieser Mitbürger ist vielleicht einer der vielen Betroffenen, die stark sehbehindert sind!

Ihr Restsehvermögen ist zu einem großen Teil von den Lichtverhältnissen abhängig, überall herrscht dichter starker Nebel. Gut wahrnehmbare Kontraste mit der richtigen Beleuchtung, welche weder blendet noch zu dunkel ist, kann hier noch sehr hilfreich sein. Scheint jedoch die Sonne und verblassen dadurch die Kontraste, muss der helfende Stock zum Einsatz kommen. So kann man mit viel Übung und in gewohnter Umgebung sich noch relativ gut orientieren. Dieser ständige Wechsel vom Sehen zum Erspüren ist jedoch sehr kraft- und energieraubend.

Sehbehinderung hat viele Erscheinungsformen.

Haben Sie als Kind im Spiel auch mal eine Zeitung zusammengerollt und durchgeschaut? Nur eine kleine Röhre, durch die man diesen kleinen ersichtlichen Ausschnitt scharf sieht, der Rest ist ganz einfach nicht vorhanden. Auch kann das Gesichtsfeld stark eingeschränkt sein. Es gibt Teile, die ganz einfach grau sind. Das kann im oberen, im unteren, sowie auch im rechten oder im linken Teil des Sehens sein. Somit ist ein Gesamtbild wie bei sehenden Menschen unmöglich.

Dies ist nur ein kleiner Einblick in die Welt des sehbehinderten Lebens. Für normal sehende Menschen kaum vorstellbar.

Franz erzählt aus seinem schwer sehbeeinträchtigten Leben:“Ein Leben mit ständiger Herausforderung!“ Wie ist das Licht heute? Übersehe ich Kind oder ein Hindernis? Erkenne ich heute das Ampelsignal? Muss ich mir wieder anhören: „Na zu eitel eine Brille zu tragen?“

Dies und noch viel mehr bedeutet einen ungeahnten Stress. Das Unverständnis so mancher Mitmenschen und auch deren Nichtwissen ist manches Mal fast unerträglich. Oft fehlt mir ganz einfach die Kraft, die Energie und die Lust, immer wieder zu erklären, warum ich heute an einem schönen sonnigen Sommertag nur mit ganz dunkler Brille und nur mit Unterstützung meines Blindenstockes zum Bahnhof finde. Wo ich doch vorige Woche, bei Regen fast ohne Stockunterstützung meinen Bahnsteig gefunden habe. Ganz einfach und doch auch nicht! Es sind die Lichtverhältnisse, welche entscheiden, wie leicht oder schwer es ist meinen Zug zu finden.

Was mich absolut traurig, wütend und manchmal auch zornig macht, sind Meldungen hinter meinen Rücken, die ich jedoch mithören kann. „Heute macht er wieder einen auf Blind…“ Liebe Sehenden, ich mach keinen auf Blind! Meine Augenerkrankung ist leider eine, die schulmedizinisch zur völligen Erblindung führen wird. Davor habe ich unglaubliche Angst, aber solange ein kleiner Sehrest vorhanden ist, werde ich diesen bestmöglich nutzen. Keiner weiß, wie sein Leben sich weiterhin gestalten wird.

Vielleicht habe ich noch viel Zeit oder vielleicht nur mehr ganz wenig, um meine Welt optisch ein bisschen wahrzunehmen. Oder es gibt ein kleines Wunder und meine Augenerkrankung kann geheilt werden. Aber ob so oder so, ich liebe das Leben und möchte als Teil der Gesellschaft respektiert und akzeptiert werden.

Noch eine kleine Bitte an meine Mitbürger, wenn sie diese Zeilen gelesen haben. Schenken Sie heute, morgen oder übermorgen IHREM Sehvermögen nur fünf Minuten Zeit, um sich ganz bewusst Ihre Familie, Ihre Stadt oder die Natur anzusehen. Sehen zu können ist nicht selbstverständlich, es ist ein Geschenk und dafür sollte man Danke sagen!!!

Auf ein baldiges Wiedersehen bzw. Wiederhören in unserem Abenteuer Leben!

Ihre Susanne Breitwieser

Obmannstellvertretrein BSVOÖ